Geschichte der Todesmärsche

Etwa ein Zehntel aller im Zweiten Weltkrieg ermordeten europäischen Juden stammt aus Ungarn: 600.000 Frauen, Männer und Kinder.
Mehr als zehn Prozent von ihnen sterben zwischen 1944 und 45 als Zwangsarbeiter.
In den letzten Kriegswochen im Jahr 1945 kommt es zu einer beispiellosen Tragödie, deren Aufarbeitung bis heute andauert: Tausende jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen werden auf sogenannten »Todesmärschen« durch die österreichische Provinz getrieben, bewacht von Leuten des Volkssturms und Teilen der SS. Ziel ist das Konzentrationslager Mauthausen in der Nähe von Linz. In diesen letzten Kriegstagen kann man sich nicht länger auf den »Befehlsnotstand« berufen. Das grausame und brutale Verhalten von Teilen des Volkssturms und der ländlichen Bevölkerung ist beispiellos und kostet hunderten entkräfteten Juden bis hinein in die ersten Friedenstage Anfang Mai 1945 das Leben.

Die Okkupation Ungarns

Trotz Einführung sogenannter »Judengesetze« ist Ungarn bis Anfang 1944 relativ sicher für die jüdische Bevölkerung. Das ändert sich schlagartig mit dem Einmarsch der Armee am 19.März 1944.
Unmittelbar nach der Okkupation Ungarns setzt die Deportation ungarischer Frauen, Männer und Kinder ein. Zwischen dem 14. Mai und dem 9. Juli 1944 werden unter dem SS-Sondereinsatzkommando Ungarn (SEK) unter der Leitung von Adolf Eichmann mehr als 430.000 ungarische Juden, antifaschistische Intellektuelle, Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verhaftet und verschleppt. Wer nicht sofort in ein Konzentrationslager überstellt wird, kommt in der Land- und Forstwirtschaft, in Industrie- und Gewerbebetrieben, sowie in der Bauwirtschaft als Zwangsarbeiter zum Einsatz.

Die Evakuierung

Als sich im Frühjahr 1945 die Rote Armee bedrohlich der österreichischen Grenze nähert, sollen die ungarischen Häftlinge, die im Arbeitseinsatz sind, und jene aus den Konzentrationslagern in Frontnähe in Lager im Reichsinneren überstellt werden, um die Befreiung durch sowjetische Truppen zu verhindern.
Reichsführer-SS Heinrich Himmler erteilt den Befehl zur »ordentlichen« Evakuierung, die das Leben der Häftlinge nach Möglichkeit schonen soll. Dieser Befehl gibt den Verantwortlichen die Möglichkeit zur willkürlichen Interpretation. So kommt es, dass Menschen, die zu schwach sind, um an der Rückführung teilzunehmen, selten zurück gelassen sondern ermordet werden.

Organisiert werden diese Transporte von den Gauleitern, die auch den Großteil des Bewachungspersonals zur Verfügung stellen. Die Transportleitung obliegt der SS. Begleitet werden die Häftlinge von Angehörigen des Volkssturms, von Hitlerjungen und der örtlichen Gendarmarie.

Die durch den vorangegangenen Arbeitseinsatz bereits stark geschwächten Gefangenen legen zu Fuß am Tag bis zu 40km zurück, müssen in der Regel bei winterlichen Temperaturen im Freien übernachten und werden nur selten mit Nahrungsmittel versorgt. Die Wachmannschaften erhalten den strikten Befehl, sowohl Flüchtige als auch Marschunfähige zu liquidieren, und so kommt es zu zahlreichen Erschießungen und Massakern.

Vor allem ab Mitte April 1945, also in den letzten Kriegstagen, als die rechtzeitige Evakuierung von Arbeiterinnen und Arbeitern aufgrund des Vormarsches der sowjetischen Truppen fraglich wird, fallen hunderte Menschen der Brutalität und Grausamkeit des Volkssturms, der SS und teilen der Bevölkerung zum Opfer, die ihren Blutzoll fordern, bevor sie als Verlierer aus diesem Krieg gehen.

Todesmärsche

Literatur

  • GMEINER, Christian [Hg.]: Mobiles Erinnern. Gedenken: Todesmarsch ungarisch-jüdischer Zwangsarbeiter 1944-45; Krems, 2005.
  • LITSCHAUER, Maria Theresia: 6/44-5/45. Ungarisch-Jüdische ZwangsarbeiterInnen; Wien, 2006.
  • REITLINGER, Gerhard: Die Endlösung. Hitlers Versuch der Ausrottung der Juden Europas 1939-1945; Berlin, 1992.
  • KEIL, Martha; LAPPIN, Eleonore [Hg.]: Studien zur Geschichte der Juden in Österreich, Bd. 2., Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter in Österreich 1944/45; Bodenheim/Mainz 1997.

Mauthausen

Im August 1938 baut die SS in der Nähe der oberösterreichischen Kleinstadt Mauthausen ein Konzentrationslager. Es dient der SS als Folterstätte politisch-ideologischer Gegner und als Arbeitslager. In der Nähe befindet sich ein Granitsteinbruch, die KZ-Häftlinge werden dort als Arbeitskräfte ausgenutzt. Fast 200.000 Menschen aus fast allen europäischen und auch außereuropäischen Ländern werden entweder auf Grund ihrer politischen Tätigkeit, ihrer »kriminellen Vorstrafen«, ihrer religiösen Überzeugung, ihrer Homosexualität, aus »rassischen« Gründen oder als Kriegsgefangene nach Mauthausen deportiert. Die Hälfte von ihnen wird hier ermordet.

Adolf Eichmann

Adolf Eichmann wächst in Linz auf. Er bricht sowohl die Schule als auch die Lehre ab. Am 1. April 1932 läßt sich Adolf Eichmann in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei Österreichs und die SS aufnehmen. Als die NSDAP am 19. Juni 1933 in Österreich verboten wird, zieht er nach Bayern.

Ende 1939 übernimmt Adolf Eichmann in Berlin die Leitung der Reichszentrale für jüdische Auswanderung und die des Referats Auswanderung und Räumung im Reichssicherheitshauptamt. In dieser Funktion ist Adolf Eichmann für die Koordination der Deportation von mehr 4 bis 6 Millionen Juden beteiligt. Im Frühjahr 1944 organisiert Adolf Eichmann in Budapest die Deportation ungarischer Juden nach Auschwitz.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs gelingt es Eichmann, aus einem amerikanischen Internierungslager zu entkommen. 1950 emigriert er mit Hilfe katholischer Kirchenmänner unter dem Namen Riccardo Klement nach Buenos Aires. 1960 wird Eichmann von Agenten des israelischen Geheimdienstes gefangen genommen und neun Tage später nach Israel entführten. Am 11. April 1961 beginnt in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann. Er wird u. a. wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt.

Volkssturm

Nach dem Zusammenbruch der deutschen Fronten im Spätsommer 1944 stehen die Westalliierten bei Aachen und die Rote Armee in Ostpreußen an der Reichsgrenze. Die Führung der NSDAP, allen voran Bormann als Leiter der Parteikanzlei, versucht durch Mobilisierung der letzten Kräfte, den Untergang des Dritten Reiches doch noch zu verhindern. Durch einen Erlaß vom 25.9.1944 wird die Bildung des »Deutschen Volkssturm« befohlen, der alle waffenfähigen Männer im Alter von 16 bis 60 Jahren umfassen soll. Insgesamt betrifft das etwa sechs Millionen Menschen. Der Volkssturm steht in einer von Partei- und Staatsführung bewußt in Kauf genommenen rechtlichen Grauzone.